Vor dem Hintergrund der anhaltend schlechten wirtschaftlichen Lage, senkte die Europäische Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag den Leitzins erneut. Dabei fiel das europäische Zinsniveau auf einen historischen Tiefststand seit Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung und notiert derweil bei 1,5 Prozent.
Nun setzt im Kampf gegen die konjunkturelle Schwäche also auch die EZB auf billiges Geld. Mit dem weiteren Absenken des Leitzinses um 50 Basispunkte, liegt der Leitzins unter der Zwei-Prozent-Marke – weitere Senkungen sind wohl nicht mehr ausgeschlossen.
Bereits im Februar hatte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, einen solchen Schritt angedeutet, weshalb die Zinssenkung für die Marktbeobachter und –teilnehmer nicht überraschend kam. Die Experten waren sich einig, dass die EZB in dieser Situation zu einem solchen Schritt greifen müsse und hatte bereits im Februar damit gerechnet. Mit dem geringen Zinssatz soll die Konjunktur in Europa wieder in Schwung gebracht werden. Durch den geringeren Leitzins können sich Unternehmen billiger Geld leihen und mehr investieren – so jedenfalls die Theorie.
Seit dem Sommer des vergangenen Jahres kappte die EZB mehrmals hintereinander die Leitzinsen in Europa. Im Februar verkündete Trichet eine Zinssenkungspause, um sie nun wieder aufzunehmen. Durch die zuletzt dramatisch gesunkene Inflationsrate, wurde die neueste Senkung begünstigt. Derzeit liegt die jährliche Teuerungsrate bei 1,2 Prozent. Damit stieg sie im Februar um 0,1 Prozent leicht gegenüber dem Januar an, als man noch Teuerungsrate von 1,1 Prozent ermittelte. Nach den von der EZB aufgestellten Richtlinien für die Preisstabilität, ist diese im europäischen Währungsraum bei einer Inflationsrate von unter zwei Prozent gewährleistet. Damit bleibt der Inflationsdruck in der Eurozone weiterhin gering.
Die Zinssenkung wurde im allgemeinen begrüßt, da die EZB den Spielraum, den ihr der sinkende Preisdruck gibt, besser nutzt als bisher. Dennoch gab es auch kritische Stimmen, vor allem von Gewerkschaftsseite. Hier wird kritisiert, dass die EZB zu spät und zu langsam auf die wirtschaftliche Krise reagiert. Dabei wird immer wieder die Forderung laut, dem Beispiel der Federal Reserve, der Bank of Japan und seit Donnerstag auch der Bank of England zu folgen und eine Nullzinspolitik zu verfolgen.
Schaut man in die USA, dann wird man feststellen, dass die Leitzinsen in Europa im Vergleich zu den Vereinigten Staaten immer noch recht hoch sind. Die amerikanischen Notenbank Federal Reserve hatte bereits vor Monaten ihren Leitzins auf null Prozent gesenkt. Allerdings, so scheint es, hat sie damit bereits ihr Pulver verschossen und sucht nun nach weiteren, außergewöhnlichen geldpolitischen Mitteln, um der Krise her zu werden. Weitere Zinssenkungen sind in den Vereinigten Staaten jedenfalls derzeit ausgeschlossen. Die EZB dagegen hält sich weiterhin noch einige Optionen offen, wie auch weitere Zinssenkungen, da sie nach unten immer noch Spielrau besitzt.
Die meisten Experten und Analysten sehen im laufenden Jahr die Untergrenze für den europäischen Leitzins bei 1,0 Prozent. Etwa in der Jahresmitte könnten nach Schätzungen der Analysten dieses Niveau erreicht werden. Um weitere Senkungen zu begründen, müsste die Stimmung in den europäischen Unternehmen weiterhin schlecht ausfallen, die Inflation weiter sinken und die Kreditabgabe sich weiter abschwächen.
Am Donnerstag der vergangenen Woche teilte die Bank of England ihre Zinsentscheidung mit. Die britische Notenbank senkte den Leitzins um 50 Basispunkte auf 0,5 Prozent. Auch dieser Schritt kam für die meisten Ökonomen nicht überraschend. Die Wirtschafts- und Finanzkrise an Großbritannien besonders hart getroffen. Im Februar wurde der Zins bereits um 50 Basispunkte nach unten korrigiert und erreichte damit den niedrigsten Stand seit der Gründung der britischen Notenbank, die auf das Jahr 1694 zurück geht. Im Vergleich zum derzeitigen Zinsniveau, lag noch im September letzten Jahres der britische Leitzins bei 5,0 Prozent.

